Auf schmalen Pfaden durch den Dschungel
COSTA RICA. Täglich sind neue Tiere und Pflanzen zu entdecken, auf schmalen Dschungelpfaden stößt man auf Vulkane und heiße Quellen, und an den Küsten dehnen sich karibische Strände aus. Costa Rica - ein Märchen?
Den baumgewordenen Urwaldriesen dürften die Touristengruppen vorkommen wie diesen die Blattschneideameisen: winzig klein, doch unermüdlich emsig. Der wesentliche Unterschied zwischen den Ameisen und den Touristen besteht darin, dass die einen ihr übliches Tagewerk verrichten und ihre gewohnten Pfade laufen, während die anderen zum ersten Mal im tropischen Regenwald unterwegs sind und täglich auf unbekannte Lebewesen treffen. Egal, wohin wir schauen - im Minutentakt erblicken wir Pflanzen und Tiere, die wir vorher noch nie gesehen haben.
Genaugenommen ist es unser erfahrener Dschungelführer Paul Valenciano, der sie entdeckt. Mit geübtem Blick erspäht er die Bewohner des Regenwalds und zeigt uns dann die Richtung, in der wir nach ihnen Ausschau halten müssen. Ohne ihn wären wir aufgeschmissen. Paul zeigt auf den Wipfel eines kahlen Baumes in die Ferne. Tatsächlich, dort sitzt unbeweglich ein Tukan mit seinem regenbogenfarbenen Schnabel, der fast so groß ist wie der Vogel selbst. Kurz darauf flattern zwei betörend blau schimmernde Schmetterlinge über unseren Köpfe herum; Morphos, erklärt Paul.
Seit Jahren ist der engagierte Touristenführer und Umweltschützer mehrere Monate im Jahr mit Costa-Rica-Besuchern in den Urwäldern des Landes unterwegs und bringt ihnen die Wunder dieses Lebensraums nahe. Zwischen heruntergefallenen modrigen Blättern zeigt er uns ein Exemplar aus der Familie der Giftpfeilfrösche. Dieser lediglich daumennagelgroße, dunkelrot leuchtende Frosch heißt so, weil die Ureinwohner Costa Ricas mit seiner giftigen Haut die Spitzen ihrer Pfeile eingeschmiert haben, um damit ihre Beute zu betäuben. Immer wieder lassen wir unseren Blick nach oben schweifen; bis in den Himmel scheinen die Bäume zu wachsen.
Wald der Kinder
Stundenlang wandern wir auf einem verschlungenen, matschigen, handtuchbreiten Pfad durch den Kinderregenwald, das größte private Naturschutzreservat in Costa Rica. Der Name dieser Schutzzone basiert darauf, dass einige schwedische Schulklassen Ende der 80er-Jahre hier einige Hektar Wald gekauft haben, um ihn vor der Zerstörung zu bewahren. In den Folgejahren taten es ihnen zahllose Kinder aus aller Welt gleich und weiteten das Reservat so Schritt für Schritt aus. Bis heute wird versucht, das Schutzgebiet durch Zukäufe von angrenzenden Grundstücken weiter zu vergrößern. Mittlerweile erstreckt es sich über rund 22.000 Hektar, was der Größe von mehr als 30.000 Fußballfeldern entspricht.
Im Gegensatz zu vielen anderen Nationalparks in Costa Rica ist der Kinderregenwald ein Naturschutzgebiet, das nur sehr selten von Touristen besucht wird. Das liegt vor allen Dingen daran, dass er recht schwer zugänglich ist. Fast anderthalb Stunden brauchen wir für die letzten 13 Kilometer. Auf der Ladefläche eines vierradgetriebenen Geländewagens stehend, führt die Anfahrt über einen teils steinigen, teils schlammigen Weg - ruckelnd und schaukelnd, steil bergauf und steil bergab. Mit wippenden Knien fangen wir die Stöße ab, die durch den buckeligen Weg verursacht werden. Man muss sich die ganze Zeit festhalten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Jaguare und Pumas
Vor der Hängebrücke, die den Rio Penas Blanca überspannt, steigen wir aus Sicherheitsgründen ab. Wir gehen zu Fuß voraus, im Schneckentempo fährt der Geländewagen über die glitschigen Holzbohlen hinterher. Am Schlussanstieg bleibt das Auto fast im rutschigen Gras stecken. Röhrend quält es sich im ersten Gang hinauf zu der Schutzstation Poco Sol, die an einem Hang auf der einzigen Lichtung weit und breit liegt. Das alte Holzgebäude im Haciendastil dient uns als Basislager für unsere Ausflüge.
Auch Jaguare und Pumas haben ihren Lebensraum im Kinderregenwald, erzählt Paul. Diese Tiere sehe man allerdings nur mit Glück, viel Glück. Das Faultier in der Krone eines Secropia-Baumes ist das krasse Gegenteil dieser scheuen Waldbewohner. Auch nach lauten Zurufen bewegt es noch nicht einmal seinen Kopf, um nachzuschauen, was dort unten los ist. Das Tier macht seinem Namen alle Ehre und verschläft dreiviertel des Tages. Kein Wunder, dass es über und über mit Algen bewachsen ist, die sein Fell grünlich in der Sonne schimmern lassen.
Wir können seine Trägheit nachvollziehen. Bereits nach wenigen Minuten Fußmarsch läuft uns der Schweiß in Strömen am Körper hinunter. Nirgendwo am Hemd findet sich noch eine trockene Stelle, mit der man sich die Stirn abwischen könnte. Nur Paul ficht die schwüle Hitze nicht merklich an. Und er scheint als Einziger auch zu wissen, wie man einen Nichtangriffspakt mit Moskitos schließt. Kein Wunder, dass er immer gute Laune hat.
Aktive Vulkane
Die Luft beginnt schwefelig zu riechen. Hinter der nächsten Kurve stoßen wir auf eine kleine, blubbernde, trübe heiße Quelle. Untrügliches Zeichen der ausgeprägten vulkanischen Aktivität, die für Costa Rica kennzeichnend ist. In dem Land, das flächenmäßig nicht viel größer als die Schweiz ist, stehen einige der aktivsten Vulkane auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Trotz seiner geringen Größe beherbergt das mittelamerikanische Land eine biologische Vielfalt, die ihresgleichen sucht.
Auf den ersten Blick wirkt der Regenwald hauptsächlich berauschend grün - und undurchdringlich. Paul zeigt uns, woran man den Unterschied zwischen Primär- oder Sekundärwald erkennt. In den Bereichen, in denen der Wald erst in den vergangenen Jahren wieder nachgewachsen ist, ist die Zahl der verschiedenen Pflanzenarten deutlich geringer und das Unterholz wesentlich dichter. Wir können kaum glauben, in welch kurzer Zeit sich die Natur ihren Raum zurückerobert hat. Auf einst abgerodeten Flächen, wo noch vor zwei Jahrzehnten Rinder weideten, stehen heute wieder Bäume mit weit mehr als 30 Metern Höhe.
Tierisches Orchester
Nach unserer vierstündigen Urwaldexpedition springen wir zur Erfrischung in die - krokodilfreie - Lagune Poco Sol, die nur wenige Minuten von unserer Basisstation entfernt liegt.
Abends sitzen wir auf der Terrasse und lauschen dem Konzert des Dschungels. Im Hintergrund brummt der Generator, aber er wird von dem Geschrei der Brüllaffen deutlich übertönt. Dazu ruft, kreischt, quakt und singt in unterschiedlichsten Rhythmen und Tönen ein unsichtbares tierisches Orchester. Nur die Moskitos, die uns um die Ohren herumschwirren, können wir an ihrem Klang zweifelsfrei identifizieren. Wenige Minuten später verstehen wir nicht einmal mehr unser eigenes Wort, so laut trommelt der tropische Regenschauer auf das Wellblechdach über unseren Köpfen. Was die Blattschneideameisen jetzt wohl machen?
Informationen: Mehrere Reiseveranstalter bieten Reisen nach Costa Rica an, z.B. Gulet Touristik, Pineapple Tours, Jahn Reisen. Der OÖN-Reiseclub veranstaltet gemeinsam mit Geo Reisen zu drei Terminen Touren durch Costa Rica: 11. - 26. März, 7. - 22. November und 22. November bis 7. Dezember 2004.



